Pilgrimsleden: Von Håverud bis Edsleskog

Der Pilgrimsleden ist ein zweiteiliger Wanderweg, der westlich des Sees Vänern durch das schwedische Dalsland führt. Der erste, neuere Teil reicht von Vänersborg im Süden bis Holms bei Mellerud, der zweite von dort bis nach Edsleskog im Norden. Ich bin diesen etwa 80 km langen Weg zusammen mit meinem Schulfreund Carsten gewandert und beschreibe in diesem Reisebericht den zweiten Teil der Reise. Hier geht es zum ersten Artikel.

Wir verpacken unser Gepäck in wasserfeste Beutel und verlassen den Zeltplatz bei Håverud. Dunkle Wolken bringen den ganzen Tag über Regen. Der mäßige Wind verwandelt sich ab und zu in waschechte Sturmböen. Ein Orkan steht uns zwar nicht bevor, aber gemütlich geht anders.

Sign PilgrimsledenWir wandern den ganzen Tag über auf kleinen Pfaden durch dichte Wälder und halten nach der nächsten, orangenen Wegmarkierung Ausschau. Mehr als einmal haben Waldarbeiter breite Schneisen in den Wald geschlagen oder meterhohe Kieswege aufgeschüttet. Dabei haben sie keine Rücksicht auf den Pilgrimsleden genommen und ihn an mehreren Stelle zerstört. Mit Karte und Kompass finden wir aber doch immer wieder auf den markierten Pfad zurück.

Je weiter wir kommen, desto atemberaubender wird die Landschaft: Wir sehen gewaltige, im Sturm aufgepeitschte Wasserflächen, klettern über Felsen, um auf Berge zu kommen, auf denen wir fast vom Wind umgeworfen werden. Wir kriechen auf allen Vieren, rutschen mehrfach fast aus, da die Wege nicht gesichert sind. Gewaltige Stämme liegen uns im Weg.

Seeufer im DalslandOben auf den Bergen haben wir einen unglaublichen Rundumblick. Ich kann mich nicht satt sehen. Dort die vom Wind zerwühlten Seen, hier dichte Wälder in satten Grüntönen und ringsherum Felslandschaften, auf denen Moose, Flechten und krüpplige Stämmchen zwischen abgestandenen Pfützen ums Überleben kämpfen. Ich spüre von innen heraus eine unglaubliche Begeisterung, ein ganz starkes Gefühl. Ich denke nicht: „Das ist aber schön hier.“ Ich will einfach nur schreien, lache vor Begeisterung, schließe die Augen, breite die Arme aus. Drehe mich mehrfach zu allen Seiten um und weiß, dass ich Natur und Landschaft nie so intensiv erlebt, wie in diesem Moment.

HeidekrautDiese Begeisterung gibt mir Kraft. Wir sind gezwungen auf Pausen zu verzichten, essen wenig und merken, dass der Tag langsam zur Neige geht. Daran, die Kamera herauszuholen, ist nicht zu denken. Nachmittags sind wir völlig erschöpft und suchen eine Schutzhütte, die auf der Karte eingetragen ist. Wir suchen sie stundenlang bis in den Abend hinein, gehen Kilometer um Kilometer in der Hoffnung, dass sie gleich auftaucht. Aber sie taucht nicht auf. Schließlich stehen wir vor einem Schild. Jemand hat den Hinweis auf die Schutzhütte mit Paketklebeband überklebt. Offensichtlich gibt es unsere Schutzhütte nicht mehr.

Wir verzweifeln nicht, haben schlichtweg keine Zeit dazu. Pausen können wir uns keine erlauben, da wir dann noch nasser werden und auskühlen. Deshalb gehen wir weiter, bis wir spätabends mitten im Wald eine Stelle finden, die nicht zu sumpfig ist, um dort zu zelten. Die Nacht verbringen wir bei Sturm im Zelt und können kaum schlafen, weil der Regen so laut gegen die Zeltwand schlägt.

Der nächste Tag verlangt von uns höchste Konzentration. Nicht der herabfallende Regen ist unser größtes Problem, sondern das Wasser, das schon auf der Erde ist. Alle Wege sind überschwemmt. Wir benutzen wieder die Plastiktüten, denn die Rucksäcke sind zwar aus robusten, dickem Stoff, einen Tauchgang in einer Pfütze mögen sie aber trotzdem nicht.

Moor im DalslandSturzbäche fluten die ohnehin schon anspruchsvollen Trampelpfade und rauschen die Berge hinab. An einer Stelle quetsche ich mich eine tropfsteinhöhlenförmige Felswand entlang, suche irgendwie nach Halt und klettere vorsichtig abwärts. Häufig bleiben wir stehen und grübeln, wie wir weiterkommen können, ohne abzustürzen oder im Schlamm zu versinken. Zwischendurch verlieren wir einen kleinen Teil der Ausrüstung, weil wir sie außen an den Rucksäcken befestigt hatten. Ich habe keinen Schal mehr, Carsten muss jetzt ohne Gabel essen.

Die wenigen Stege, die es gibt, sind ebenfalls häufig unter Wasser. Der Regen, der am vorigen Tag vom gewachsten Leder davon abgehalten wurde, in die Schuhe einzudringen, läuft nun von oben in sie hinein. Wir durchqueren Sümpfe und erklimmen Bergpfade, die Wasserfällen gleichen. Darüber hinaus geht uns langsam das Trinkwasser aus, was irgendwie ironisch ist.

Lake Pilgrimsleden

Als wir nach langer Zeit wieder in einer Ortschaft sind, fragen wir nach Wasser und wir dürfen ohne Umschweife die Flaschen auffüllen. Außerdem bekommen wir eine Wegbeschreibung zur nächsten Schutzhütte. Als wir sie erreichen, brauchen wir einige Zeit, bis wir uns erholen. Der See, an dem sie steht, ist jedoch so hübsch, dass wir nach wenigen Stunden neue Kraft getankt haben. Wir trocknen die Kleidung so gut es geht an einer Leine, machen ein Feuer, essen endlich wieder warm und trinken viel Tee. Nachts schlafen wir in der offenen Schutzhütte mit Blick auf den mondbeschienenen See. Vor uns glimmt die Glut unseres Lagerfeuers.

Shelter Pilgrimsleden

Das Foto hat Carsten gemacht. Die Schuhe auszuziehen, war übrigens eine blöde Idee: Am nächsten Tag habe ich an jedem Fuß unzählige Mückenstiche.

Nach einem wunderbar vernebelten Morgen machen wir uns bereit für die letzte Etappe. Das Gelände bleibt karg, nur die Pfade sind weniger anspruchsvoll. Vielleicht haben wir uns auch einfach an Sümpfe und Abhänge gewöhnt. Das Ende des Pilgrimsleden haben wir kurz nach Mittag erreicht. Es ist absolut unspektakulär und das enttäuscht mich. Aus diesem Grund besuchen wir in einem Nachbarort einen weiteren See, an dem wir leider nicht übernachten dürfen. Deshalb fahren wir mit dem Bus nach Åmål und suchen nach einem Zimmer. Wir fragen uns in der doch recht überschaubaren Stadt durch und der erste Fußgänger, mit dem wir ins Gespräch kommen, bietet uns an, bei ihm zu übernachten. Wir lehnen höflich ab und denken, dass wir ein Zimmer im örtlichen Hostel bekommen. Passanten erklären uns jedoch, dass das Hostel für Flüchtlinge reserviert sei. Aber sie haben einen weiteren Tipp für uns: Es gebe einen Campingplatz am Vänern.

Am letzten Abend sitzen wir am Vänern, erinnern uns an die letzten Tage, die so ereignisreich waren, dass sie uns wie Wochen vorkommen, kochen wieder Spagetti mit dem Campingkocher, trinken Tee und schauen uns im letzten Tageslicht diesen gewaltigen See an, dessen Ende man nicht erahnen, geschweige denn sehen kann.

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Pilgrimsleden: Von Vänersborg bis Håverud

Der Pilgrimsleden ist ein zweiteiliger Wanderweg, der westlich des Sees Vänern durch das schwedische Dalsland führt. Der erste, neuere Teil reicht von Vänersborg im Süden bis Holms bei Mellerud, der zweite von dort bis nach Edsleskog im Norden. Ich bin diesen etwa 80 km langen Weg zusammen mit meinem Schulfreund Carsten gewandert.

Sweden from aboveVänersborg, der Startpunkt des Pilgrimsleden, ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Wir fliegen nach Göteborg und nehmen von dort den Zug nach Vänersborg. In der beschaulichen Stadt angekommen, kaufen wir Spiritus für unseren Kocher und mehrere Flaschen Trinkwasser. Das macht unsere Rucksäcke ordentlich schwer. An das Gewicht müssen wir uns erst gewöhnen.Carsten und ich werden in den nächsten Tagen selten unter 20 Kilogramm tragen. Allein unser Zelt bringt über vier Kilogramm auf die Waage.

Pilgrimsleden SignIn Vänersborg wollen wir unbedingt eine zuverlässige Wanderkarte kaufen. Wir haben bloß eine aus dem Internet. Die ist nicht gerade das Gelbe vom Ei. Allerdings können wir in Vänersborg keine Karte auftreiben. Auch nicht in der örtlichen Touristinfo. Das liegt vermutlich daran, dass der traditionsreiche Pilgrimsleden ursprünglich in Holms und nicht ca. 40 km südlich in Vänersborg begann. Der erste Streckenabschnitt von Vänersborg nach Holms ist nämlich neueren Datums.

VänersborgMit vollgepackten Rucksäcken, unserer rudimentären Karte, einem ausgeprägten Gespür für Wegweiser und einem Kompass gehen wir von Vänersborg aus los. Der Weg führt zunächst malerisch am großen Vänern vorbei. Er gehört zu den größten Seen Europas und wirkt entsprechend majestätisch. Wir können noch einmal auf Vänersborg schauen und gehen dann über den Campingplatz Ursand. Im Wald dahinter führen uns die Wegweiser auf eine Landstraße. Die nächsten Tage werden wir ausschließlich über Landstraßen wandern und kommen uns dabei wie in einem amerikanischem Roadmovie vor.Waldlandschaft im Dalsland

Auf den Landstraßen winken uns die Autofahrer fröhlich zu und umfahren uns großzügig. Nur ganz wenige scheinen genervt zu sein. Menschen, die mit ihren Hund Gassi gehen, kommen uns genauso entgegen wie Radfahrer und Mütter mit Kinderwagen.

Nach gut zehn Kilometern wollen wir unser erstes Lager aufschlagen. Carsten und ich haben etwas Not zwischen den ganzen Ferienhäusern und Grundstücken ein Wäldchen zu finden, in dem man ungestört ist, aber nach gar nicht langer Zeit finden wir einen geeigneten Lagerplatz auf einigen bemoosten Granitfelsen, die mitten in einem lichten Wald stehen. Felsgestein, Moos, Blau- und Preiselbeersträucher, Kiefern und Birken prägen das Erscheinungsbild der Wälder, die in den welligen Ebenen jenseits des Vänerns liegen.

TeekanneAm nächsten Morgen essen wir Müsli mit Wasser, trinken Tee und machen uns auf den Weg. Die Stimmung ist gut, allerdings wissen wir schon, dass wir bald neuen Proviant brauchen. Laut unserer Karte soll im Ort Timmervik ein kleiner Laden sein. Jedoch ist absolut nicht abzusehen, wie groß dieser Laden oder der Ort Timmervik ist. Denn uns begegnen dutzende Ortschaften, die wir gar nicht als Siedlung erkennen. Vielmehr steht dort ein blaues Schild mit weißer Schrift und wir wissen dann, oh hier ist eine Siedlung. Aber diese Siedlungen sind anders als die Dörfer anderswo. Das Wort Dorf wird der Siedlungsstruktur auch nicht im Entferntesten gerecht, denn die Gegend ist so zersiedelt, dass es keine Zentren gibt. Kirchen, Supermärkte und Schulen stehen irgendwo in der Landschaft. Die Menschen wohnen in rot angestrichenen Höfen, die sich auf Wiesen, Hafer- und Gerstenfeldern verteilen. Ich bin mir auch nie ganz sicher, ob ich eine Ferienwohnung, einen Bauernhof oder ein Wohnhaus vor mir habe. Sie alle sind stets aus Holzbrettern gezimmert, haben ein Fundament aus großen Granitfindlingen und sind fast ausnahmslos im gleichen Rotton gestrichen. Weiße Fensterrahmen setzen kleine Akzente. Vor den Wohnanlagen finden sich meist kleine Gärten mit Sitzgruppen oder Bänken.

Landschaft Dalsland

Weil die Siedlungsstruktur für uns ungewohnt und die Karte absolut unzuverlässig ist, finden wir Timmervik nicht. Mein Begleiter hält schließlich ein älteres Ehepaar in einem Auto an. Sie erzählen uns auf Englisch, dass es in Timmervik zwar einen Laden gebe, aber wir sollten lieber nach Frändefors wandern. Der Supermarkt in Frändefors habe in jedem Fall geöffnet und er sei nur sieben Kilometer entfernt. Das nette Ehepaar fährt weiter. Jetzt stehen wir vor der Wahl: Das Risiko eingehen und darauf vertrauen, dass der Laden in Timmervik geöffnet hat und genug Vorräte besitzt oder vierzehn Kilometer zusätzlich wandern, um an genügend Proviant zu kommen. Wir besprechen die Lage, da hält das Auto wieder an, die Frau steigt aus und bietet uns an, dass sie uns nach Frändefors fahren würden, wir müssten dann nur noch zurückwandern. Das Angebot nehmen wir dankend an.

Landstraße Dalsland

Im Supermarkt in Frändefors fragen wir wieder nach einer Wanderkarte. Es gibt keine. Wir beladen uns mit Wasser und Lebensmitteln. Beide Rucksäcke wiegen nun jeweils um die 22 Kilogramm. Die sieben Kilometer legen wir dennoch schnell zurück. Nach einer kurzen Rast geht es ebenso schnell weiter, aber nachdem wir eine kilometerlange Strecke bestehend aus Bauernhöfen und Feldern durchqueren und die Sonne zu sinken beginnt, benötigen wir dringend einen Lagerplatz. Den finden wir erst Kilometer weiter in einem unaufgeräumten Kiefernwäldchen. Totholz liegt bergeweise umher. Ungeziefer krabbelt und fliegt. Wir hören ringsumher die Mähdrescher brummen. Da wir keine Wahl hatten, blieben wir dort. Angenehm war es nicht.

Wiese im DalslandAm nächsten Morgen beeilen wir uns, möglichst zeitig aufzubrechen. Wir durchwandern kilometerweit eine malerische Landschaft bestehend aus romantischen Höfen, goldgelben Feldern und den typischen Birkenbaumgruppen.

Schließlich kommen wir in Grinstad an. Dort gibt es einen Landhandel, eine Art kleinen Supermarkt, der ein limitiertes Sortiment mit all dem führt, was man zum täglichen Leben braucht. Der Kassierer ist sehr freundlich und gut gelaunt. Wir dürfen vor seinem Laden Rast machen und zwischen Paletten frischer Blumen auf zwei Bänken und einem Tisch zu Mittag essen. Als wir nach einiger Zeit weitergehen, kommt noch eine Verkäuferin heraus und schenkt uns zwei Schokoriegel.

Wir nehmen uns vor, nur noch wenige Kilometer zu gehen und bald das Zelt aufzubauen. Die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz gestaltet sich jedoch abermals schwierig, weil das Gebiet eng besiedelt ist und die Anwohner wohl Probleme mit Campern haben. Einmal werden wir abgewiesen. Auch sehen wir ganz deutlich ein Schild mit der Aufschrift: No camping. Dead end. Abseits des Weges befinden sich schlichte, kleine Friedhöfe, einsam umherstehende, gepflegte Kirchen und sogar ein Steinkreis von dem Durchmesser eines mittelgroßen Gartenteichs. Mehrere Stunden lang müssen wir noch wandern, bis wir völlig erschöpft unweit der Straße im Wald eine Lichtung finden, auf der wir lagern können.

Cat in the greenAm vierten Tag unserer Reise wollen wir es ruhiger angehen lassen denn meine Hüfte ist vom Hüftgürtel aufgeschürft und blutet. Carsten klagt über einen stechenden Schmerz im Rücken und so langsam mache ich mir Sorgen um ihn. Zum Glück finden wir einen Campingplatz. Wir nehmen dafür zwar einen mehrere kilometerlangen Umweg in Kauf, als uns dort ein deutsches Pärchen eine Wanderkarte schenkt, haben wir das Gefühl, wirklich viel Glück zu haben. In Mellerud könne man die Karte kaufen, sagen sie. Sie wollten eine Woche zuvor den Pilgrimsleden gehen und wegen starker Regenschauer mussten sie abbrechen. Wir sollten auf jeden Fall Plastiktüten einkaufen. Als sie uns das sagen, bin ich wirklich skeptisch, ob ein wenig Regen uns wirklich aufhalten kann. Am Boden wedelt ein fußballgroßer Hund mit dem Schwanz. Ich denke mir, dass er der Grund war, warum die beiden abbrechen mussten. Die Säcke kaufen wir trotzdem ein.

Nach dem Duschen und einem ausgiebigem Mittagessen auf einer kleinen, von einem orangenen Schmetterling umflatterten Felsgruppe gehen wir in die Stadt Mellerud, frischen die Vorräte auf und nehmen von dort einen Bus zum Campingsplatz in Håverud. Noch vor Mellerud treffe ich auf eine Kreuzotter. Sie liegt mit dem Kopf im Gras und dem Körper auf dem Asphalt. Dann schlängelt sie sich davon.

orange butterfly in detailZwischen Mellerud und Håverud sehen wir vom Busfenster aus graue Wohnblocks anstelle der roten Holzhäuser. Håverud selbst hat zwar nur wenige Einwohner, aber wegen eines beeindruckend aussehenden, klappbaren Aquädukts, einem Museum und anderen, kleineren Sehenswürdigkeiten kommen tagsüber viele Besucher. Hier in Håverud wird am fünften Tag der zweite Teil unserer Reise beginnen, denn dieser Streckenabschnitt gehört bereits zum ursprünglichen Teil des Pilgrimsleden. Landschaft und Bedingungen werden sich fortan ändern. Wir hoffen, genug Proviant dabei zu haben.

Wie es weiter geht, kannst du hier lesen.

Die Ausgräber III: Von Erdklumpen und Tonscherben

Im August war ich für zwei Wochen bei meinem ersten Grabungscamp im Saarland.  Wir lagerten an einem Tennisplatz im Tal und legten eine im Hochwald gelegene Villa aus gallo-römischer Zeit teilweise frei.

Was für ein Moment! Ich stehe seit mehreren Stunden in einem Loch aus Dreck und halte einen metallartigen, kreisrunden Fund in der Hand. Ein Ring? Eine Brosche? Vielleicht ein Schlüssel? Dann fängt der Fund auf einmal zu zappeln an und kriecht Richtung Erdboden. Wieder nur ein Regenwurm.

Römischer Gefäßrand und Terra Sigillata

Links kann man einen kleinen Vogel erkennen. Der Gefäßrand rechts oben war einer der ersten Funde.

Im nächsten Moment lese ich eine randartige Scherbe auf, denke mir nichts dabei und mache weiter. Kurz darauf steht der Grabungsleiter neben mir und hält genau diese Scherbe in der Hand. Er ist aufgeregt. Das sei der Beweis für eine gallo-römische Siedlung. Er hebt eine weitere, dünne Scherbe auf und erklärt mir, dass es sich um kostbares Geschirr handle, auf dem ein Vogel zu erkennen sei. Ich gebe mir ja wirklich Mühe, aber ich sehe keinen Vogel. Den werde ich erst Tage später erkennen, wenn die Scherben geputzt wurden.

Archäologische Ausgrabung

Den Unterschied zwischen Steinchen und Scherben lernt man schrittweise. Man fängt einfach an und irgendwann steht ein Archäologe neben einem und erklärt, wie man gräbt und worauf man zu achten hat. Schon bald hat man einen Blick dafür, ob man im eigenen Loch eine Scherbe oder ein Stück eines zerbrochenen Dachziegels gefunden hat.

Archäologische Funde

Zu sehen sind verschiedene, ungeputzte Fundstücke. Darunter verschiedene Gefäßränder und Scherben (rechte Hälfte) sowie zwei kleine Stücke Holzkohle, ein länglicher Nagel und Bruchstücke von Dachziegeln (linke Hälfte).

Sensationsfunde blieben jedoch aus. Wir fanden viele Scherben, darunter auch glasierte und Glassplitter. Die glasierten Scherben gefielen mir am besten, allerdings waren sie nicht aus römischer Zeit da man erst später begann, Gefäße zu glasieren. Glas kannten hingegen schon die Römer. Ich war mir dennoch nie ganz sicher, ob ich nicht den Rest einer Becks-Flasche oder einen antiken Fund in Händen halte.

Geputzte ScherbenVor allem finden wir Steine, Scherben und zerbrochene Dachziegel – mein Lieblingsziegel ist einer, der einen Hufabdruck trägt. Vermutlich lief beim Trocknungsprozess eine Ziege über die ausgelegten Ziegel. Die Steine, die wir bergen, liegen entweder ungeordnet wie Schutthaufen umher oder bilden exakt aufgeschichtete Fundamente, die viel tiefer in das Erdreich hineinreichen als wir es zunächst annahmen. Unter den größeren Fundamentsteinen liegen kleinere, runde Kiesel, die möglicherweise eine Art Drainageschicht bildeten.

Archäologische Ausgrabung

Hier sieht man, wie unter den Fundamentsteinen eine weitere Schicht aus Kieseln liegt.

Funde, über die wir uns freuen, sind mehrere Stücke eines Mühlsteins und ein kleiner Römischer Gefäßausguss in Form eines LöwenkopfesLöwenkopf, der als Ausguss für ein Gefäß diente. Bemerkenswerterweise sieht der Löwe eher wie eine zottelige Maus aus. Am Anfang freue ich mich noch über jeden Nagel, den ich finde, aber irgendwann ödet einen auch das rostige Altmetall an.

Aus den Funden und ihrer Lage interpretierten wir bald ein Katastrophenszenario: Ein römisches Landgut fängt Feuer, die Menschen nehmen die wichtigsten Gegenstände mit sich, das Dach stürzt ein und Dachziegel zersplittern. Später geben auch die Mauern nach. Doch das ist zu einem guten Teil Fiktion. Man findet viel im Boden, aber je mehr man gräbt, desto mehr Fragen tauchen auf. Und gerade deshalb war meine erste Ausgrabung eine sehr spannende Erfahrung!

Archäologische Ausgrabung

Ein Blick auf einen Teil der freigelegten Fundamente.

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Die Ausgräber II: Von Zahnbürsten und Schubkarren

Im August war ich für zwei Wochen bei meinem ersten Grabungscamp im Saarland.  Wir lagerten an einem Tennisplatz im Tal und legten eine im Hochwald gelegene Villa aus gallo-römischer Zeit teilweise frei.

Schnur auf RolleDie Aufgaben bei einer archäologischen Ausgrabung sind vielseitig. Nach dem Vermessen wurden mit Schnur und Nägeln Felder auf der Wiese abgesteckt. Wir machten das Erdreich zunächst in einer langen Linie auf und erweiterten später am oberen, fundreichen Ende unser gegrabenes Loch.

Nachdem die Grabungszelte aufgestellt wurden, trugen wir mit einem Wiedehopf – einer Mischung aus Axt und Hacke – die Grasnarbe ab. Darunter befand sich eine dunkle Schicht humusartiger Erde, die vorsichtig aufgehackt und mit der Schüppe in die Schubkarre geworfen wurde. Den Aushub sichteten wir noch in der Schubkarre. In dieser Erdschicht finden sich oftmals schon Scherben, die durch Tiere oder einen Pflug aus tieferen Schichten nach oben gelangten.

Abraumhalde bei archäologischer Ausgrabung

Die Rampe zur Abraumhalde. Dahinter liegen die aufgesammelten Steine.

Den Aushub siebten wir und kippten ihn letztlich auf die Abraumhalde. Die größte der Archäologische SiebeAbraumhalden war zuletzt ungefähr zwei Meter hoch und dementsprechend breit. Steine lagerten wir extra und sortierten sie nach Gesteinsart und Form. Wir fanden auffällig viel Gestein vulkanischen Ursprungs, runde Kiesel und Schiefer in allen möglichen Farben. Nach Abschluss der Grabung wird ein Bagger die von uns gegrabenen Löcher mit der ausgehobenen Erde und den Steinen verfüllen.

Wiedehopf und Grabinstrumente

Typische Grabuntsinstrumente für die grobe und feine Arbeit. Die Mischung aus Hacke und Beil nennt man Wiedehopf.

Unter der Humusschicht lagen fundreichere Schichten, die wir mit verschiedenen kleinen Werkzeugen wie Kellen und Grabhammer abtrugen. Es ist nämlich anders als bei Indiana Jones: Wichtig ist nicht nur, was man findet, sondern an welchem Ort und in welcher Schicht es lag und in welchem Zusammenhang es mit den anderen Funden steht. Deshalb notierten wir bei allen Funden, in welchem Sektor wir sie fanden.

Mauer in archäologischer Ausgrabung

Im Vordergrund sieht man eine freigelegte Mauer, im Hintergrund das Profil sowie das geputzte Planum, in dem noch einzelne Steine stecken.

Aus dem gleichen Grund wurde das Grabungsfeld zu verschiedenen Bearbeitungsphasen fotografiert und abgezeichnet. Zu diesem Zweck müssen das Bodenprofil und das Planum gut sichtbar sein. Das Profil ist der Längsschnitt durch die Erde; das Planum der Querschnitt. Das bedeutet, dass man Millimeter um Millimeter des Erdreichs abkratzt, anschließend mit einem Besen die Fläche abfegt und vielleicht sogar noch einmal mit dem Laubsauger letzte Krümel wegbläst, damit wirklich alle störenden Partikel vom Profil und vom Planum verschwinden.

Wurden die Fotos und Zeichnungen von den geputzten Oberflächen gemacht, arbeiteten wir uns tiefer in das Erdreich hinein. Die Arbeitsschritte Graben, Funde sichern, Abraum wegschaffen, Profil sowie Planum putzen und dokumentieren wiederholten sich für ein und die gleiche Fläche mehrfach, sodass man nur langsam tiefer in die Erde hinab kam.

Scherbe in Fundsituation

So sieht es aus, wenn man auf einen Fund stößt.

Eine weitere, sehr spannende Arbeit, ist das Säubern der Funde. Man sitzt mit Zahnbürste und Wasserschale bewaffnet vor einem Berg fragiler Scherben und versucht den Dreck abzutragen ohne die Scherbe zu beschädigen. Das ist absolut spannend, sind die meisten Funde doch erst geputzt richtig hübsch.

>>> Weiterlesen! Teil III: Von Erdklumpen und Tonscherben.

Die Ausgräber I: Von Grabhügeln und Grillwürstchen

Im August war ich für zwei Wochen bei meinem ersten Grabungscamp im Saarland. Organisiert wurde es von der Europäischen Akademie und der TERREX-gGmbH. Wir lagerten an einem Tennisplatz im Tal und legten eine im Hochwald gelegene Villa aus gallo-römischer Zeit teilweise frei.

Auf dem Tennisplatz im saarländischen Nonnweiler lernte ich schnell die anderen Ausgräber kennen. Wir bestanden aus ungefähr 20 Freiwilligen, von denen die Hälfte beim Tennisplatz in Zelten übernachtete. Die anderen kamen bei Freunden unter oder wohnten in der Umgebung. Die Freiwilligen bestanden aus Studenten und Interessierten. Das bedeutete, dass wir altersmäßig bunt durchmischt waren.

Flur Spillert

Die Wiese bevor die Ausgrabung begann.

Tagsüber arbeiteten wir ungefähr acht Stunden auf der Ausgrabung und wurden abends zum Camp zurückgebracht. Dort fanden wir alles, was das Herz begehrte: Von einem gefüllten Kühlschrank bis hin zu Duschen und einem warmen Lagerfeuer war an alles gedacht worden. Abends und nachmittags saßen wir häufig zusammen, erzählten uns Geschichten, fachsimpelten über Archäologie und Geschichtswissenschaft oder schauten einfach in die Flammen.

Hochwald

Die Landschaft des Hochwalds ist wunderbar.

Gekocht haben wir selbst, meist wurde jedoch mit dem fürs Saarland typischen Schwenker gegrillt. Mehrere Male wurde aber auch für uns gekocht. Einmal gab es beispielsweise hallstatt-zeitlichen Getreidebrei. Am Wochenende und zwischendurch wurden Exkursionen zu archäologischen Stätten in der Region unternommen. Beispielsweise stöberten wir durch einen Wald bis wir Grabhügel fanden. Die sahen zunächst aus wie größere Laubhaufen, aber mit der Zeit bekam man ein Blick für die Details im Gelände, für die Hohlwege, Dachsbauten und Erdwälle.

Ausgrabung Spillert

Das vollständige Gelände der Ausgrabung am Ende der zwei Wochen.

Die Stimmung und Motivation war unter uns Freiwilligen gut, allerdings schwand die Teilnehmerzahl in der letzten Woche. Weitere Ausgräber waren eine sechsköpfige Gruppe von Bürgerarbeitern und ein hochmotiviertes Quartett luxemburgischer, ehrenamtlicher Archäologen, die auch dann am Scherzen waren, wenn mir die Luft längst ausgegangen war.

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Das Lehramts-Praxissemester: Die Anforderungen aus studentischer Sicht

Das Praxissemester hat für die Master-Lehramtsstudenten bereits Mitte Februar begonnen. Herr Prof. Dr. Süßmann bat mich, die Belastungen und Aufgaben des Praxissemester aufzulisten. Da sich die Studenten im zweiten Durchgang sich sicherlich fragen, wie das Praxissemester in der Realität umgesetzt wird, habe ich mich dazu entschlossen, den folgenden Text zu veröffentlichen. Das Historische Institut war damit freundlicherweise einverstanden.

Die Beteiligten
Die Ausgestaltung des Praxissemesters wird grundlegend von den Institutionen Universität (akademische Begleitung), Zfsl (Begleitung durch das Studienseminar) und von der jeweiligen Praktikumsschule bestimmt. Die Praktikumsschule wird den Studenten in einem zentralen Verfahren zugewiesen. Da kein Geld gezahlt wird, müssen sich die Studenten auf die öffentlichen Verkehrsmittel einstellen. Orte wie Detmold, Herford und Warburg halten die Verantwortlichen für zumutbar. In meinem Fall heißt das konkret, dass ich jeden Schultag mindestens für einen Weg anderthalb Stunden benötige, in den meisten Fällen länger. Die Züge fahren nur stündlich, woraus sich zusätzliche Aufenthaltszeiten ergeben.

Lernort Schule
An der Schule muss ich mindestens 15 Stunden in der Woche anwesend sein. In dieser Zeit soll ich hospitieren und insgesamt 70 Unterrichtsstunden planen, durchführen und nachbereiten. Die Planung einer Unterrichtsstunde dauert mehrere Stunden. Zu diesen Anforderungen kommen Mentoren-Gespräche, Exkurse, Konferenzen, Pausenaufsichten, Elterngespräche, Leistungskontrollen und Leistungsbewertungen sowie andere Termine hinzu. Auch sie sind planmäßig vorgesehen.

Lernort Universität: Erste Phase
Parallel zur Schule ist der Mittwoch ein Studientag, d. h. die Studenten verbringen diesen Tag in der Universität. Das hat sich folgendermaßen gestaltet: Auf die Vorlesungszeit folgte die Prüfungsphase, die sich in vielen Fällen mit den ersten Wochen des Praxissemesters überschnitt, wodurch viele Studenten noch bis in den März an schriftlichen Leistungsnachweisen schrieben oder für Prüfungen lernen mussten.
In der vorlesungsfreien Zeit wurde der Uni-Mittwoch von Fachleitern aus dem Zfsl gestaltet. Da diese noch andere Verpflichtungen hatten, wurden die Sitzungstermine in die Abendstunden (bis 20:30 Uhr) und an die Nachmittage der übrigen Wochentage verlegt. In den Seminaren vergaben die Fachleiter zusätzliche Hausaufgaben.
Weitere Leistungen, die erbracht werden müssen und vom ZfsL abhängen, sind zwei Unterrichtsbesuche, zwei Unterrichtsanalysen sowie ein Abschlussgespräch.

Lernort Universität: Zweite Phase
In der zweiten Woche der Osterferien begannen die Kurse der Universität. Dazu zählen insgesamt drei Begleitseminare und ein Forschungsseminar. Für das Forschungsseminar muss bis zum Abschluss des Semesters eine Forschungsarbeit im Umfang einer Hauptseminar-Hausarbeit angefertigt werden.
Die Leistungsnachweise für die Begleitseminare fallen unterschiedlich aus. In den Bildungswissenschaften müssen beispielsweise  um die 15 Seiten Hospitationsanalysen erbracht und eine Referatssitzung geleitet werden. Die Ergebnisse aus den Seminaren fließen in das Portfolio Praxiselemente ein.

Weiterbildungsangebote
Außerdem müssen 20 Stunden sogenannte Weiterbildungsangebote in einem weiteren Modul belegt werden. Diese finden nachmittags und abends statt. Nach bisherigem Stand treten immer wieder Terminschwierigkeiten auf, was dazu führt, dass man weitere Stunden für E-Mail-Kommunikation und Terminabsprachen einplanen muss. Das hängt auch damit zusammen, dass die Weiterbildungsangebote nicht zentral bei PAUL implementiert wurden, sondern man für jeden Kurs einen Dozenten via Mail anschreiben muss. Wegen Überfüllung kommt es durchaus auch zu Absagen.
Die Weiterbildungsangebote sind mit weiteren Leistungen verbunden, zum Beispiel Sitzungsvorbereitung oder schriftliche Reflexionen. Am Ende dieses Moduls steht zusätzlich ein kurzes Reflexionspapier und ein kurzer Workshop.

Weiteres
Zusätzliche, einmalige Informations-Pflichtveranstaltungen fanden im Februrar und in den Osterferien statt. Das Praxissemester endet nicht mit den Schulferien, sondern drei Wochen später mit der Vorlesungszeit. Es finden also Begleitseminare statt, die etwas begleiten, was schon beendet ist. Fehlzeiten sind – abgesehen von Krankheit, nicht vorgesehen. Nicht zu vergessen: Am Ende des Semesters steht eine Modulabschlussprüfung an.

Hinweis:
Ich bin kein offizieller Berater der Universität Paderborn und gebe keine Gewähr auf meine Angaben. Bei Fragen könnt ihr euch beim PLAZ informieren.